"Es ist nicht leicht, in der Welt der Realität zu leben..."

Yang Shaobin


Irreale geschundene Leiber und schmerzverzerrte Gesichter beherrschen die aktuellen Malereien des chinesischen Künstlers Yang Shaobin. Organischen Strukturen nimmt er seit Ende der 90er Jahre ihre Einheit und fokussiert den verzehrenden Kampf gegen sich selbst. Seine fleischlichen Farben werden zur Metapher des menschlichen Ursprungs, der Emotion, Aggression und Gewalt. Blutrote Portraits autoaggressiver und schizophrener Gestalten beherrschen die roten Leinwände: Die frühen Arbeiten hingegen waren noch vom Realismus geprägt und zeigten vorherrschend Gruppenbilder von Männern in Uniformen.

Nach dem Abschluss 1983 an der Polytechnischen Universität Hebei in China arbeitet Shaobin von 1991 bis 1995 im Künstlerdorf Yuangmingyuang bei Beijing. Seit 1996 lebt und arbeitet er in Beijing. Zahlreiche Ausstellungen im internationalen Ausland zeigen seit 1992 seine Arbeiten: Neben Museen in Bonn, Oslo und Graz präsentierten auch die Expo 2000 und die 48. Biennale in Venedig seine Werke.

2000 erhielt Yang Shaobin den China Contemporary Art Price. Ein Zeichen für die Öffnung Chinas zur westlichen Welt, die mit dem Tod Mao Zedongs 1976 ihren Anfang fand. Neben sozialen und ökonomischen Reformen der sogenannten "Öffnungspolitik" von Deng Xiaopings begann auch eine relative Liberalisierung des kulturellen Lebens. Einen entscheidenden Umbruch, den die Avantgarde seit 1978 herbeiführte, war das Aufbrechen des starren chinesischen Kunstsystems, das die Kunst als Propagandamittel im Dienste der Kommunistischen Partei funktionalisierte.
Die Individualität und Freiheit des Ausdrucks bestimmten nun künstlerische Formen und Konzepte. Der experimentelle Umgang mit der traditionellen chinesischen Kunst der Tuschmalerei und Kalligraphie fand ihre Ergänzung in der Auseinandersetzung mit westlichen Kunstformen und -stilen. Neben der Bedeutung der realistischen Malerei hat die chinesische Konzept- und Installationskunst, Video, Performance, Fotografie und Computerkunst seit den frühen 80er Jahren immer größere Bedeutung erlangt.

Unter der Maßgabe des "Sozialismus mit chinesischen Charakteristika" entwickelt sich seit Ende der 90er Jahre die zunehmende Akzeptanz der inoffiziellen Avantgardekunst. Ein wichtiges Signal für die kulturpolitische Liberalisierung war die Shanghai Biennale 2000/2001: Die erste internationale Ausstellung in China, die vom internationalen Ausland ko-kuratiert wurde und westliche wie chinesische Künstler zeigte. Ein wichtiger Schritt für die Ausbildung kommerzieller Galerien und privater Museen für Gegenwartskunst war getan.

von Nicole Traut



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