Ausgabe VII: Wahn-Sinn    
Baby
von Phillip Stölzl

Schmerzliche Grenzen

Wie viel Elend können wir im Kino ertragen? Alle Fans von Lars von Trier und Ken Loach werden sagen: Eine ganze Menge. Diese Antwort ist berechtigt, denn beide haben ihren Weg gefunden schwerste menschliche Schicksale auf die Leinwand zu bringen, ohne sie der Lächerlichkeit des Publikums preiszugeben. Eine Fertigkeit, die man dem Spielfilm-Debüt von Videofilmer Phillip Stölzl leider absprechen muss.

Lilli (Alice Dwyer) lässt Paul ihre Reize spüren.

Ähnlichkeiten zu Loach sind dennoch nicht zu übersehen: Wir befinden uns im ärmlichen Leben von Paul (Lars Rudolph), Frank (Filip Peeters) und seiner Tochter Lilli (Alice Dwyer), die in einer grauen Sozialbausiedlung wohnen.

Im europäischen Irgendwo versuchen die drei gemeinsam ihr Schicksal zu meistern: Jahre nach dem zeitgleichen Unfalltod der beiden Ehefrauen schlagen sich die Freunde mit Hilfsjobs durchs Leben und erkennen etwas zu spät, dass Lilli zur Frau geworden ist. Plötzlich ist der frühreife Teenager von einem Unbekannten schwanger und die Tragödie perfekt.

Doch nicht nur neues Leben soll das Licht der Welt erblicken, mit einem Bodycount von vier Toten trumpft Stölzl auch in Richtung Dramatik auf. Eine Dramatik, die er auf ästhetischer Ebene in seinen Videoclips für Rammstein, Evanescene und Garbage sicher beherrscht. Doch trotz viel Bemühens von Regieseite, einer überzeugenden Alice Dwyer und seiner ästhetischen Stringenz ist Stölzls Debüt zwiespältig. Das liegt wohl daran, dass der ohnehin überfrachteten Story die wünschenswerte Leichtigkeit in der Umsetzung fehlt. Hinzu kommt, dass der 1997 mit dem Max-Ophüls-Preis als bester Nachwuchsdarsteller ausgezeichnete Lars Rudolph die Zuschauer nur polarisieren kann. Und genau dies wird auch Stölzls "Baby" tun: Entweder man liebt oder man hasst es!

von Nicole Traut


Deutschland-Start: 29. Januar 2004






Copyrights © Philotast.de